Lebensgeschichte einer jungen Aussiedlerin (2023)

Montana Baron, geboren als Monika Klimek, kam 1989 im Alter von 6 Jahren gemeinsam mit Ihrer Mutter aus Laurahütte/Siemianowice in die Bundesrepublik. Die heute in Essen lebende Juristin ist Mitglied in der Landsmannschaft der Oberschlesier. Mit dem Kulturreferenten sprach sie im Januar über ihre Lebensgeschichte, insbesondere über ihre Kindheit in Oberschlesien und das anschließende Aufwachsen in der BRD.
„Heimat“
Eine wirkliche Heimat habe ich hier tatsächlich noch nirgendwo gefunden. Ich denke, dass Heimat tatsächlich nicht ortsgebunden ist, sondern, wenn man so viele Wechsel wie ich durchlebt hat, ist Heimat ein Gefühl, das sich aus den positiven Erinnerungen aus der Kindheit speist.
Kindheit in Schlesien
Wir hatten ein sehr gutes Leben. Ich bin mit meiner Mutter, meinen Großeltern mütterlicherseits und meinem blinden Onkel in einer sehr schönen Mehrgenerationswohnung im 10. Stock groß geworden, nachdem sich meine Eltern hatten scheiden lassen. Ich hatte im Prinzip ein sehr behütetes Leben. Zunächst besuchte ich einen Kindergarten, wurde aber bald von meinen Großeltern rausgenommen und von ihnen großgezogen. Meine Oma, die Sekretärin war, nahm mich oft mit in ihren Betrieb. Das Bergwerk Laurahütte, wo wiederum mein Großvater für elektrische Anlagen zuständig war, befand sich auf der gegenüberliegenden Seite der Siedlung. So konnte ich ihn jeden Tag vom Fenster aus zur Arbeit gehen und zurückkommen sehen. Vor dem Bergwerk gab es einen Marktplatz, wo Oma jeden Morgen für uns frisch einkaufte. Um die Ecke war Tante Barbaras Kiosk. Es war somit weniger das Leben einer Kleinstadt, sondern eher wie auf einem Dorf, nämlich sehr behütet und harmonisch. Mir mangelte es an nichts, was daran lag, dass wir durch die Position Opas zu den Bessergestellten gehörten.
Wir hatten recht viel Geld und mein Großvater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mir Spielzeuge aus der DDR und bei Pewex zu besorgen, die es sonst nur im Westen gab. Ich weiß noch, dass das Größte für mich war, als ich zu Weihnachten ein ganz kleines Lego-Set bekam. Es war so teuer, dass mein Opa monatelang dafür gespart hatte. Er ist abends zu den Hotels gegangen, wo es Westbesucher gab, und tauschte die PLN gegen $. Hinzu kommt, dass er als Amateurfunker Kontakt in die halbe Welt, insbesondere nach Deutschland und Frankreich, hatte. So war es für ihn einfacher zu schauen, wo er Spielzeuge besorgen konnte.
An Nahrung hat es mir nicht gemangelt. Ich wusste nicht, was Mangel ist, denn ich kannte nur das, was es bei uns gab. Ich hatte keine Ahnung von existierenden exotischen Früchten. Daher war mir die schwierige Beschaffungslage für manche Lebensmittel nicht bewusst. Im Kindergarten gab es nur Oberschlesier, wodurch ich keine Zurückweisung erlebt habe. Ich war ein normales, sehr glückliches Kind, und wenn es nach mir ginge, wäre mein Leben so weiter verlaufen.
Ausreise nach Westdeutschland
Das Ankommen hier teilt sich für mich in zwei Zeiträume auf. Das echte, emotionale Ankommen kam viel später als das Physische. Meine Familie hatte Angst gehabt, dass jemand von unserer Ausreise erfahren könnte. Mir wurde auch nicht gesagt, dass wir übersiedeln, sondern, dass wir Tante Renate, die beste Freundin meiner Mutter, hier in Deutschland besuchen würden.
An der Grenze wollte die Beamtin den Pass sehen, meine Mutter tat aber so, als ob sie sie nicht verstehen würde. Ich weiß noch, dass ich sie an der Jacke zupfte und ihr zurief, sie möchte deinen Pass, meine Mutter mich aber auf Polnisch zurechtwies, ich solle still sein. Später erklärte sie mir, dass sie den Pass nicht vorzeigen wollte, weil sie Angst hatte, man würde sehen, wir seien Oberschlesier und uns zurückschicken. Wir kamen dann in einen separaten Raum mit anderen Landsleuten und DDR-Bürgern und sind von da aus, ich erinnere mich nicht mehr genau, mit dem Zug oder Flugzeug in den Westen gekommen. Wir lebten zunächst zu mehreren in ehemaligen Ferienhäusern in Daun, wo ich nicht viel von meiner Mutter sah, weil sie wahnsinnig viel zu erledigen hatte und ich somit von anderen Familien betreut wurde. Dann sind wir für etwa 2 Wochen in eine Art Urlaub nach Osterode gefahren. Da waren wir mit vielen anderen geflüchteten Familien in einer Art Sanatorium. Es war einer sehr schöne Zeit, in der wir erstmal in Ruhe zu uns kommen konnten. Anschließend bekamen wir in der Eiffel eine eigene Wohnung. Ich besuchte dort nicht lange eine Art Notschule in Containern mit anderen Aussiedlerkindern. Dann zogen wir in eine kleine Wohnung in Köln, wo meiner Mutter hinwollte, weil ihre Freundin dort mit ihrer Familie lebte.
Ich ging als Kind jedoch immer noch davon aus, dass wir nur auf Urlaub wären. Meine Mutter teilte mir erst sehr spät mit, dass Oma und Opa irgendwann nachkommen würden, wir jetzt aber für immer hier bleiben würden. Dies waren ein sehr großer Schock und ein traumatisches Erlebnis für mich, weil ich diese heile Welt komplett zurücklassen musste und meine Familie nun auseinandergerissen war, ohne dass ich frei entscheiden könnte. Tatsächlich scheiterte der Nachzug meiner Großeltern, und zwar daran, dass sie vorweisen mussten, dass sie als Deutsche in Oberschlesien Repressalien ausgesetzt wären. In den 1990ern gab es aber in dem Sinne keine Repressalien mehr, die hatten früher stattgefunden. Jegliche Anträge, die mit Hilfe des DRK gestellt worden waren, wurden allesamt abgelehnt. Dies war einer der Gründe, warum ich später Jura studiert habe, um die Mechanismen nachvollziehen zu können. Meinen Vater sah ich nie wieder. Meine Mutter hatte mich in einer Nacht und Nebel Aktion quasi entführt und er musste unterschreiben, dass ich mit in den „Urlaub“ durfte, was er als ein liebender und fürsorglicher Mensch tat, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er mich nie mehr wiedersehen würde. Er verstarb als ich ca. 13 war und bis dahin durfte ich nicht zu Besuch nach Polen, denn er hatte Anrecht auf mich.
Ich hatte somit nur noch meine Mutter, die komplett auf sich allein gestellt war und sich nicht ausreichend um mich kümmern konnte. Es waren die 90er und so etwas wie Ganztagsbetreuung als auch Familienhilfe war erst in den Startlöchern. In meiner Grundschulzeit befand ich mich somit in einer Tagestätte.
Das Ankommen in Deutschland habe ich somit erst in der Pubertät erfahren, als mir bewusst wurde, dass ich mein Leben selbst gestalten konnte und später als Erwachsene auch woanders ein Zuhause suchen könnte, vielleicht sogar Deutschland verlassen würde. Das hat mir geholfen, mir selbst zu sagen, dass ich nun hier ankommen konnte.
Integration
Sie war sowohl bei mir als auch bei meiner Mutter schlecht. Wir sprechen von den 90er Jahren, die ich als die Hochphase des Rassismus sehe. Diesen bekamen wir im Alltag deutlich zu spüren. Einmal sind wir mit der S-Bahn gefahren und ich wollte meiner Mutter etwas zeigen, was ich durch die Scheibe sah, also habe ich zu ihr auf Polnisch gerufen. Daraufhin unterrichtete sie mich streng, ich dürfte hier auf gar keinen Fall Polnisch sprechen. Ich schaute mich um und sah lauter alte deutsche versteinerte Gesichter, die mich dermaßen abwertend und abschätzig betrachtet haben, dass ich hätte weinen können. Ich habe somit sehr früh lernen müssen, dass hier nur die deutsche Sprache gilt und ich meine Muttersprache nicht mitnehmen könnte. Ich musste deutscher sein als die Deutschen. Dabei waren wir eine urdeutsche Familie, ich jedoch aufgrund des sozialistischen Machtapparats mit der polnischen Sprache aufgewachsen war. In Zentralpolen wurde meine Mutter einst diskriminiert, weil sie kein Hochpolnisch, hier, weil sie kein Deutsch sprach.
In der Grundschule hatte ich eine Lehrerin, die aus Italien stammte. Da ich recht klug und pfiffig war, habe ich mir die deutsche Sprache innerhalb eines halben Jahres auf natürliche Art und Weise angeeignet, wurde aber mit anderen fremdsprachigen Kindern in den Förderunterricht geschickt, wo mich die Lehrerin verdutzt fragte, warum ich denn da sei. Ich sagte, dass meine Klassenlehrerin mich dorthin geschickt hätte. Daraufhin gab sie mir einen Zettel, dass ich mit meinen Sprachkenntnissen mit den Deutschen locker mithalten könnte, ihnen sogar voraus wäre, und man mich in den Englischunterricht schicken möchte. Seitdem mochte mich meine Klassenlehrerin nicht und ich blieb aus dem Grund sogar in der 2. Klasse sitzen, hatte danach aber eine sehr nette Lehrerin, die mich förderte.
Neben den negativen Dingen gab es aber auch positive Erlebnisse. Es gab viel Hilfsbereitschaft, sei es von den Nachbarn aus oder von der Kirche. Die Leute schenkten mir Spielzeuge, Kinderbücher, Kleidung und sogar ein Fahrrad, das sie nicht mehr brauchten. Sie sahen uns als Opfer der Politik und als ebenbürtige Deutsche. Das hat uns die schwierige Zeit erleichtert.
Familienprobleme
Dadurch, dass es eben keine Betreuung gab und die Eltern das Leben als Aussiedler hier geregelt bekommen mussten, wurden die Kinder bei Bekannten und Freunden hin und her gereicht, um nicht allein sein zu müssen. Viele Mütter meiner damaligen Freunde und Freundinnen waren mit der Situation derartig belastet, dass sie psychisch erkrankten.
Meine Mutter war mit dem Gedanken in den Westen gekommen, hier ein besseres Leben zu haben, kam aber tatsächlich nie richtig an. Deutsch hat sie nie so gut erlernt, wie es hätte sein müssen, zudem nur ein Sprachkurs bewilligt wurde. Ebenso wurden ihre polnischen Abschlüsse nicht erkannt. Den hier erlernten Beruf konnte sie auch nicht wirklich ausüben, da sie krank und dann alkoholabhängig wurde. Dies führte zu Gewalthandlungen, auch mir gegenüber. Zudem kam sie mit dem gescheiterten Nachzug meiner Großeltern nicht zurecht. Mit mir hatte sie es auch nicht leicht und als ich 12 war, sah sie keine andere Möglichkeit, als mich in die Obhut der Jugendhilfe zu geben. Ich war in zwei Kinderheimen und hatte Schwierigkeiten irgendwo anzukommen. Ich dachte damals, dass ich die einzige war, die häusliche Gewalt erlebte.
Wenn wir zu Besuch nach Polen fuhren, durfte ich nicht erwähnen, dass ich in einem Kinderheim lebte. Meine Mutter und ich spielten den Leuten eine Scheinfamilie vor. Hierzulande musste ich wiederum zusammen mit den Kindern von Tante Renate mit Südfrüchten posieren. Die Fotos wurden dann an unsere Familie geschickt, um zu zeigen, in was für einem angeblichen Wohlstand wir lebten.
Identität
In Deutschland habe ich später wenig Oberschlesier getroffen, sondern hauptsächlich Polen, es ist aber nicht dasselbe. Da hatte ich nicht den gleichen Gesprächsbedarf, die Verbundenheit und das familiäre Gefühl wie mit den wenigen Oberschlesiern. Es sind zudem komplett andere Geschichten, Mentalität, familiäre Hintergründe und man darf nicht vergessen, dass Oberschlesier Deutsche sind. Das sagten mir bereits meine Großeltern, als ich noch ein Kind war. Wir lebten zwar in Polen und speziell in Schlesien, aber man hat mir schon sehr früh kindgerecht die Geschichte Oberschlesiens zu erklären versucht. Somit bin ich mit der Kenntnis über die Volksabstimmung und die Teilung großgeworden.
Appell
Ich möchte, dass man die Zeit von damals heute besser versteht, und dass den Menschen von damals wie von heute bewusst wird, wer wir waren, als wir hierher kamen. Wir waren keine Fremdlinge, wo vielleicht mal „ein Deutscher Schäferhund durch die Familie durchgehuscht ist“, was ich mir oft habe anhören müssen, sondern dass man uns als Oberschlesier und Deutsche wahrnimmt, und auch als Menschen mit Familienschicksalen, die sich über Generationen hinziehen. Zugleich möchte ich aber auch, dass man meine doch multikulturelle Herkunft akzeptiert.
Rassismus
Wir in Deutschland sollten uns mit der Geschichte der Oberschlesier auseinandersetzen und mit der Diskriminierung, die wir als solche damals erlebten, um den Rassismus heute nicht weiterzutragen. Vielen fällt es schwer, anderen Völkern positiv zu begegnen, wenn sie selbst nicht ein ähnliches Schicksal erlebt haben. Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich damit Schwierigkeiten habe, wenn in Deutschland angekommene Menschen in der Öffentlichkeit in ihrer Landessprache sprechen. Da brodelt es in mir fast schon und ich möchte hinausschreien, dass man in Deutschland nur Deutsch sprechen möge. Dabei merke ich, dass es gar nichts mit diesen Menschen direkt zu tun hat, sondern mit meiner eigenen Traumatisierung. Nur wenn wir uns über die Mechanismen der Traumatisierung bewusst werden, können wir Fremdenhass abbauen.
Interview/Transkription: Christoph Labaj
Bilder: © Montana Baron